Rahel Graf

Rückblick: Daheim-Entfremdet

Nirit Sommerfeld<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>refkirchebuelach.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>308</div><div class='bid' style='display:none;'>6312</div><div class='usr' style='display:none;'>145</div>

Nirit Sommerfeld, deutsch-israelische Schauspielerin und Sängerin, und ihre Band beeindruckten das Publikum im HertiLabor.
Rahel Graf,
Nirit Sommerfeld erzählte singend und vortragend, in Geschichten und Tatsachenberichten, bitterernst und voller Hoffnung, herzhaft lachend und sichtlich betroffen, aus ihrer ganz persönlichen Sicht vom Leben in Israel und den Konflikten zwischen Israelis und Palästinensern.
Andi Arnold alias Shlomo Geistreich an der Klarinette und Jan Eschke am Piano begleiteten Nirit einfühlsam.

Der Abend wurde organisiert von Transition und unterstützt durch die reformierte Kirchgemeinde und die Stadt Bülach. Wer Konzert und Vortrag verpasst hat, findet hier eine sehr anschauliche Beschreibung in den Worten des Journalisten Arn Strohmeyer:

"Nirit Sommerfeld erscheint auf der Bühne mit einem schwarzen Trachtenkleid, das um den Hals von einer weiten hellen Borte umgeben ist. Mein erster Gedanke: Das ist ein Kleid, wie es vielleicht von orientalischen Juden getragen wird und auf Nirits Herkunft hinweist, denn die Familie ihrer Mutter stammt aus Marokko. Doch diese Vermutung ist ganz und gar falsch. Nirit wird sie im Lauf des Abends aufklären und ihrem Publikum erläutern, wie wichtig dieses Kleid für sie ist und wie es ihrem Leben eine ganz andere Richtung gab.
Aber zunächst erzählt Nirit von ihrer überaus glücklichen Kindheit in Eilat (Israel), wo sie 1961 geboren wurde. Sie erzählt von der unendlichen Weite der Wüste und des Meers dort, die sich tief in ihre Seele einprägte und auch heute noch Heimweh in ihr aufsteigen lässt. Sie berichtet von der Geschichte ihrer Familie, von dem Großvater, der ein wohlhabender Kaufmann in Chemnitz war, als Offizier im Ersten Weltkrieg das Eiserne Kreuz erhielt und von den Nazis im KZ Sachsenhausen umgebracht wurde.
Als sie neun Jahre alt war, zog die Familie ins Land der Täter, nach Deutschland, wo sie zur Schule ging und dann in Salzburg ihre Schauspiel-Ausbildung absolvierte. Aber das Heimweh nach Israel war groß, 2007 kehrte sie mit ihrer eigenen Familie – sie hatte inzwischen zwei Töchter bekommen – nach Israel zurück. Nach zwei Jahren erfolgte nicht zuletzt aus politischen Gründen die Rückkehr nach Deutschland, wo sie seitdem lebt. Sie war nach dieser Rückkehr aber nicht mehr dieselbe, die sie als junges Mädchen und junge Frau war: eine gläubige Zionistin. Und das hat mit dem wunderbaren schwarzen Kleid zu tun.
In Tel Aviv kam eines Tages eine Nachbarin zu ihr und bat sie um Hilfe, genau gesagt um erste Hilfe. Ein Bauarbeiter hatte sich an der Hand verletzt. Nirit eilte mit Verbandszeug ins Nachbarhaus und verband die Wunde des Verunglückten. Nun stellte sich heraus, dass es sich bei dem Mann um einen Palästinenser handelte, der illegal in Israel arbeitete. Nirit zog sich nicht nur verächtliche Bemerkungen ihrer israelischen Mitbürger zu, weil sie einem Palästinenser geholfen hatte, es kam gegen den Mann wegen seiner illegalen Tätigkeit auch zu einer Gerichtsverhandlung. Nirit berichtete als Zeugin von der Not des Mannes, die ihn zur Arbeit in Israel gezwungen hatte. Der Richter hatte ein Einsehen, zeigte Verständnis für den Mann und bestimmte, dass er gegen eine Kaution abgeschoben wurde. Nirit sorgte dafür, dass das Geld aufgetrieben werden konnte und der Mann kehrte in sein Dorf in der Nähe von Hebron zurück.
Dort besuchte Nirit den Arbeiter und seine Familie. Sie stieß dort als Angehörige des Besatzervolkes aber nicht auf Abneigung oder sogar Hass, sondern auf eine ungeahnte und überschwängliche Gastfreundschaft. Die ganze Großfamilie versammelte sich, es wurde reichlich aufgetragen, was die Küche hergab. Und dann der Höhepunkt dieses denkwürdigen Tages: Die Frau des Hauses holte aus einem Schrank das schwarze Kleid und überreichte es Nirit als Gastgeschenk. Es ist eine wundervolle Arbeit, viele Frauen müssen lange daran gearbeitet haben, in der Familie ist es wohl wie ein Schatz gehütet worden. Und nun erhält es eine Jüdin zum Geschenk!
Das war für Nirit nicht nur ein wichtiges Erlebnis, sondern ein Wendepunkt in ihrem Leben. Plötzlich verstand sie, was Juden (oder Zionisten) diesem Volk angetan hatten und auch immer noch antun: permanenten Landraub, Vertreibung und Unterdrückung – seit über 50 Jahren eine brutale und barbarische Besatzung, auf deren Ende es keinerlei Hoffnung gibt. Nirit wurde eine Wanderin zwischen den Welten, sie trägt fortan einen großen Konflikt in sich: ihre Liebe zu Israel, das sie als Heimat erlebt hat, und die Gewissheit, dass dieses Land eine sehr bedenkliche Entwicklung genommen hat. Vor allem: dass auch die Palästinenser einen Anspruch auf Freiheit, Gerechtigkeit und Selbstbestimmung haben.
(...)
Natürlich hat sie auch wundervoll gesungen an diesem Abend: jüdische Lieder von tiefer Melancholie, großer Lebensfreude und dem zum Ausklang mit äußerster Leidenschaft vorgetragenen politischen Song, den sie selbst verfasst hat: „Alles Schein…“. Dieses Lied ist Auflehnung, Protest und eine bittere Anklage an das Land, das sie liebt und doch nicht lieben kann."
Bereitgestellt: 13.02.2020     Besuche: 43 Monat 
aktualisiert mit kirchenweb.ch